Mattentraining

Nello hat gelernt, auf seiner Matte zu entspannen, während die anderen Welpen im Kurs dran sind.

Nello hat gelernt, auf seiner Matte zu entspannen, während die anderen Welpen im Kurs dran sind.

Mattentraining hilft dem Hund sich auch in schwierigen Situationen zu entspannen und an einem Ort zu bleiben, bis ihm etwas anderes gesagt wird. Im Alltag gibt es dafür enorm viele Anwendungen, etwa in einem vollen Restaurant, in jedem Hundekurs (während die anderen Hunde dran sind) oder im Wartezimmer beim Tierarzt hilft Mattentraining beim ruhigen Liegen. Auch im Haushalt mit Kleinkindern ist es sehr hilfreich: für Tischmanieren (Hund bettelt nicht am Tisch, sondern wartet auf seiner Matte, während die Familie isst), wenn Besuch begrüßt wird (Hund wuselt nicht zwischen den Menschen im engen Vorzimmer, sondern wartet auf der Matte, bis er mit der Begrüßung dran ist) u.v.m. Für mich ist es auch ein wichtiger Vorbau für die allerersten Schritte beim Allein-Training.
Mattentraining hat nichts zu tun mit einem Gehorsams-Platz-Bleib, bei dem der Hund Sphynxstellung einnimmt und Körperspannung halten sollte. Auf der Matte soll der Hund entspannen und darf so liegen, wie er es bequem hat.

Aus der Erziehung von Familienhunden und aus dem Verhaltenstraining für “problematische” oder ängstliche Hunde ist Mattentraining seit Jahren nicht mehr wegzudenken (die Anleitung unten funktioniert für erwachsene Hunde wie beschrieben). Mattentraining ist keine neue Erfindung. Es ist auch kein neues Element in Welpenkonzepten, das wurde schon mehrfach publiziert. Neu ist, dass ich das Mattentraining als allererste tatsächliche “Übung” im Welpenkurs aufbaue. Insgesamt ist es das 3. Signal, das die Welpen lernen, nach dem Freigabe-Signal und dem Signal fürs Kommen.

Bei der Erziehung von Welpen gibt es ebenso verschiedene Ansichten wie bei der von Kindern – und so gibt es auch sehr unterschiedliche Auffassungen, was der Welpe zuerst lernen soll. Stubenreinheitstraining und Rückruf stehen bei allen Welpenkonzepten ganz oben auf der Liste – und das war’s dann oft auch schon mit den Gemeinsamkeiten. Sehr häufig wird in Welpenkursen Sitz und Platz als eine der ersten Übungen dran genommen. Ich frage mich warum? Die plausibelste Erklärung, warum viele Hundeschulen damit starten ist für mich:

  • Die Welpen müssen für Sitz und Platz nicht abgeleint werden; das vermeidet Chaos im Welpenkurs – gut für den Welpentrainer.
  • Das ist eine derart einfache Übung für den Menschen, dass er damit sehr flott Erfolg hat – gut für den Mensch. “Wow, mein Hund tut, was ich ihm sage!” Der ist zufrieden und kommt nächste Woche wieder in den Kurs.

Wie sieht das aus Sicht des Welpen aus? Welche Lernerfahrungen macht der (möglicherweise)?

  • Ist es diejenige Übung, bei der unsere Hundebabys die Erfahrung machen, dass die Zusammenarbeit mit dem Menschen Spaß macht? (Stillsitzen – wääääh!)
  • Fördert es die Aufmerksamkeit des Hundebabys zu seinem Menschen bestmöglich?
  • Und hilft sie den Welpen, von Anfang an den Wechsel zwischen Aktivität und Ruhe eines Hundekurses schnellstmöglich zu verstehen?

Zu den letzen beiden Punkten habe ich oft beobachtet, dass die Welpen ganz eigenartige Sachen über die frühe Sitz/Platz-Übung lernen. Das kommt daher, dass der Mensch entweder vorher nicht gelernt hat, dass ein Freigabesignal enorm wichtig wäre, wenn er die Aufmerksamkeit seines Welpen auf sich unter Signal bringen möchte, oder er hat das zwar erklärt bekommen, ist aber noch nicht fließend in der Umsetzung des Freigabe-Signals. So kann es vorkommen, dass der Mensch “Sitz” sagt, der grandiose Welpe tut das, der Mensch freut sich und denkt eventuell sogar rechtzeitig ans Loben und Füttern – aber dann? Der Mensch freut sich immer noch, der Welpe findet sofort nach dem Schlucken des Leckerlis sitzen zwischen all den anderen Welpis die langweiligste zur Verfügung stehende Option – schaut zu seinem Nachbar-Welpen, saugt seinen Geruch auf, steht auf und zerrt an der Leine. Und jetzt? Möglicherweise hat das Hundebaby gelernt:

  • Wenn mein Mensch was von mir will, spricht der mich sowieso mehrfach an. (Merken Sie was? Schon hier legen Sie den Grundstein dafür, dass Sie Ihren Hund in Konkurrenz zu einer spannenden Umwelt trainieren, anstatt mit der Umwelt.)
  • Wenn ich mein Leckerchen gegessen habe, kann ich mich wieder mit meinen Kurskollegen beschäftigen – oder zumindest bis zum Leinenende Richtung Kurskollege laufen.
  • Wenn mein Mensch länger als 5 Sekunden nichts zu mir gesagt hat, haben wir beide Freizeit. Aus einem Sitz oder Platz kann ich dann aufstehen.

Der Welpe lernt sehr schnell ein wunderschönes Sitz (Hintern auf Boden). Gleichzeitig macht man jeden Ansatz von Sitz-Bleib (Hintern bleibt auf Boden, bis der Hund etwas anderes gesagt kriegt) dabei kaputt, weil sowohl dem Welpen, als auch dem Menschen noch Vorkenntnisse/Fertigkeiten dafür fehlen. 

Daher bringe ich Welpenbesitzern Sitz und Platz erst bei, wenn Sie gelernt haben, Marker und Futter gut zu handhaben und ihnen das Freigabesignal in Fleisch und Blut übergegangen ist. Statt solch (ver)früh(tem) Herumkommandieren sind die ersten drei Praxiseinheiten der Happy Training! Welpenerziehung der Lernvorbereitung gewidmet, damit die frischgebackenen Hundehalter solche Basics (Freigabe, Marker&Futter) üben können und die Spielvorlieben ihrer Hunde kennen- und fürs Training nützen lernen. Die Welpen lernen in diesen drei “Kindergarten”-Einheiten den Wechsel zwischen Aktivität und Ruhe und durch verschiedenen Trainingsspiele die Aufmerksamkeit zum Mensch “auf Knopfdruck” halten zu können bis zur Freigabe. Für den Wechsel zwischen Aktivität und Ruhe ist Mattentraining eine ganz große Hilfe.

Schritt 1: Die Matte kennenlernen. Verwenden Sie dafür immer dieselbe Matte (z.B. ein Handtuch oder Badetuch); außerhalb des Mattentrainings ist die Matte nicht verfügbar (wegräumen). Der Hund lernt die Matte kennen – und zwar gleich im richtigen Kontext. Zu einer Zeit, wo der Hund sowieso schon entspannt liegt, packt der Mensch die Matte aus, setzt sich auf den Boden, sodass die Matte zwischen seinen Beinen liegt – dort darf der Hund sich nun gern reinlegen und eine Runde schlafen. Wird der Hund von einem Kind trainiert wie im Fall von unserem Nello, finden so die Lesehausübungen statt: Norah liest Nello etwas vor, Nello schläft dabei zufrieden. Sowie Norah aufsteht und die Ruheübung beendet, nimmt sie die Matte mit. Das kann man auf mehrere Zimmer oder Orte generalisieren, bevor es weiter geht.

Nun fügen wir zwei Elemente am Weg zum Mattentraining hinzu:

  1. Targeting: Der Hund läuft auf ein Signal hin zur Matte.
  2. Freigabe: Der Hund darf die Matte wieder verlassen.

Schritt 2: Targeting oder “Wo ist die Matte? Und auf die Matte laufen.” So klappt‘s:

  1. Legen Sie die Matte auf. Ab jetzt müssen Sei bereit sein für den ersten Klick/Marker! Verpassen Sie nicht den allerersten Klick: Den erhält Ihr Hund für Interesse an der Matte (Hinschauen, Hinschnuppern).
  2. Wenn der Hund mit einer Pfote auf die Matte steigt: Marker & ein Leckerli so platzieren, dass beim Fressen alle vier Pfoten auf der Matte sind. Zeigt der Hund kein Interesse an der Matte, legen Sie ein Leckerchen in die Mitte (einmal!). Wenn der Hund die erste Pfote auf die Matte setzt: Marker & Futter.
  3. Solange der Hund eine oder mehrere Pfoten auf der Matte hat: Marker & Futter. Nach einigen Markern & Futter geben Sie Ihr Freigabe-Signal und gehen einen oder zwei Schritte weg von der Matte. Bleibt der Hund auf seiner Matte, rufen Sie ihn (Signal bereits bekannt vom Rufkreis), sobald er bei Ihnen ist: Marker & Futter & Freigabe. Folgt der Hund Ihnen von selbst, können Sie das Rufen auslassen und machen gleich weiter bei 3.
  4. Sehen Sie die Matte an und warten ab. Wenn der Hund eine Pfote auf die Matte stellt: Marker & Futter auf der Matte. Weiter bei 2.
  5. Während der Hund seine erste Targetübung lernt, ein Konzept, das ihn sein ganzes Leben lang begleiten wird, weil es herrlich einfach für unzählige Lernziele verwendet werden kann, macht der Mensch seine allererste Shaping-Erfahrung – und erlebt das Wunder der Zweiwegkommunikation im Training, anstatt des traditionellen Herumkommandierens.

Ihr Hund wird rasch verstehen, dass die Leckerli-Bar nur geöffnet ist, wenn er bleibt, wo er ist, solange er kein Signal hört. Außerdem wird er schnell lernen zwischen der Matte und Ihnen hin und her zu pendeln, wenn Sie ein Signal geben. Sie sehen also:

  • Ich trainiere das Konzept von Bleib, lange bevor ich Sitz oder Platz beibringe.
  • Ich stelle Balance für den Rückruf her, indem der Hund ehest möglich ein Signal für das von-mir-weg-laufen lernt (zur Matte). Ganz still zu halten in einem Sitz oder Platz ist für junge Hunde genauso schwer wie Stillsitzen für zweijährige Kinder. Das Laufen selbst ist für die Kleinen spaßbesetzter als Übungen am Stand – Training macht Spaß!
  • Der Hund lernt: Zuhören lohnt sich.

Dass sich ein Hund auf der Matte hinsetzt, kommt fast immer von selbst vor, da die Welpen zu ihren Menschen aufschauen – das provoziert fast ein Sitz. Sollte Ihr Hund ein Sitz oder Hinlegen auf der Matte anbieten, loben Sie ihn überschwänglich und füttern Sie ihm mehrere Leckerlis hintereinander. Sie können auch Schritt 1 öfter und an noch mehr Orten weiterhin üben, dann kommt das Liegen von ganz allein. Liegen ist das Endresultat des Mattentrainings.

Click for action, feed for position. So nennt man eine Art des Futterreichens im Markertraining. Dabei locken Sie Ihren Hund NICHT mit Futter in eine bestimmte Position, sondern markieren jede Annäherung (kein Endresultat!) in die richtige Richtung; NACH dem Markersignal platzieren Sie das Futter so, dass der Hund die gewünschte Position einnimmt. Der Hund geht also in Vorleistung, erhält dafür seinen Marker und Sie helfen ihm nach dem Marker beim Vollenden. (Siehe Schritt 1 oben.) Beispiel: Gewünschtes Zwischenziel ist, dass der Hund mit vier Pfoten auf seiner Matte steht (Endresultat ist entspanntes Liegen auf der Matte). Der Hund setzt erstmals eine Pfote auf die Matte: Marker! Sie platzieren Ihre Futterhand nun so, dass der Hund auch die anderen Pfoten auf die Matte stellen muss, damit er das Futter fressen kann.
Achtung! Diese Art des Futterreichens ist ungeeignet für Situationen, in denen beim Hund Angst im Spiel ist.

Schritt 3: Signal einführen. 

  1. Sobald der Hund sich zielstrebig zur Matte orientiert, können Sie das Signal einführen: Sie stehen zwei bis vier Schritte von der Matte entfernt rufen Ihren Hund, der kommt: Marker & Futter & ggf. Griff ans Geschirr. Sagen Sie „Matte“ (oder ein anderes Signal wie „Bett“), dann lassen Sie das Geschirr los – Sie wissen ja, dass Ihr Hund zielstrebig zur Matte laufen wird. Sobald der Hund die Matte erreicht hat: Marker, danach gehen Sie zur Matte und füttern Ihren Hund so, dass er mit vier Pfoten auf der Matte ist beim Fressen. Wenn der Hund zwischen Marker und Futter die Matte verlässt – kein Problem, füttern Sie aber so, dass er wieder auf der Matte steht. Die Matte Verlassen wird ineffizient, der Hund wird das sein lassen.
  2. Nun üben Sie sich von der Matte zu entfernen (nur EIN Schritt!), während Ihr Hund auf der Matte bleibt. Marker & Futter. Das ist der erste Baustein fürs Allein-Training für kleine Welpis: Mein Mensch entfernt sich von mir, ich bleibe da. Überfordern Sie Ihren Hund nicht beim Hinzufügen von Entfernung. Sie markieren das Bleiben und füttern auf der Matte. Nach 5-7 Klicks fürs Bleiben, rufen Sie Ihren Hund. Fürs Kommen: Marker & Futter & Marker fürs Bleiben & Futter etc. Nach 5-7 Klicks fürs Bleiben, geben Sie das Signal „Matte“ und das Spiel startet von vorn. Geben Sie Ihrem Welpen nur Signale, wenn er Sie ansieht / wenn er das Futter geschluckt hat.

Wenn Sie das Element “auf der Matte bleiben, während ich weggehe” mit einem Welpen wie Nello üben, der eigentlich lieber bei mir bleiben möchte, können Sie für das Bleiben UND für den Rückruf das Premack-Prinzip nutzen: Für das Bleiben auf der Matte bekommt der Hund die Erlaubnis (das Signal) fürs Herkommen.

Deutsch ist für Ihren Hund Fremdsprache. Sie lutschen ein Hörzeichen schon ab, bevor der Hund es verstanden hat, wenn Sie es sagen, ohne dass der Hund zuverlässig tut, was er soll. Daher ist es wichtig, dass Sie ERST das Signal einführen, wenn Sie das gewünschte Verhalten zuverlässig in Ihrem Hund provozieren können, etwa durch eine Handbewegung oder wie im Clip unten gezeigt durch meinen Schritt Richtung Matte. Faustregel: Würden Sie 10 EUR drauf setzen, dass Sie das Verhalten in Ihrem Hund provozieren können? Ja? Dann ist es Zeit, das Signal einzuführen. Nicht vorher. Der Hund lernt jedes neue Vokabel am schnellsten mit folgendem Timing:

  1. Signal/Hörzeichen
  2. 1-2 Sekunden danach: Sie provozieren das Verhalten, z.B. Körperhilfe (Armbewegung etc.)
  3. Hund führt das Verhalten aus
  4. Verstärker (Futter/Spielzeug etc.)

Sie werden feststellen, dass der Hund bald auf das Hörzeichen hin das Verhalten zeigt – er will vorausarbeiten und so schnell wie möglich an seinen Klick. Dann brauchen Sie die Körperhilfe nicht mehr und Sie sollten sie so rasch wie möglich abbauen.

Wann immer Sie Ihrem Hund ein Signal/Hörzeichen geben, tun Sie das bitte nicht in ganzen Sätzen. Je isolierter das Hörzeichen steht, desto besser kann Ihr Hund es verstehen. Verzichten Sie daher auf „und“ („und Sitz“) oder andere Füllwörter. Zusätzliche Wörter können echt verwirrend sein, wie etwa “Nello, Matte!”. “Nello” heißt für unseren Welpen: komm her. Matte heißt für ihn: lauf weg = zur Matte. Na was denn jetzt?

Mit dieser Übung trainieren Sie vieles gleichzeitig:

  1. Targeting. Target-Übungen werden Sie im modernen Tiertraining ein Leben lang begleiten, da sie unglaublich praktisch sind.
  2. Bleib. Erstes spielerisches Bleib beim Menschen und weg vom Menschen.
  3. Sich vom Menschen lösen. Hier bauen wir weiter aus, was wir im Rufkreis mit Verstecken schon begonnen haben.
  4. Rückruf. Der Rückruf wird über Trainingsbalance gestärkt: Wenn Ihr Hund warten muss, also nicht gleich Ihnen hinterherlaufen darf, stärkt das den Rückruf.

Video-Clip zum Thema: http://youtu.be/4uRhzxKXqVY (Die Zeit zwischen Klick und Futter erklärt sich dadurch, dass ich bei kaum einer Übung mit einem angekleckerten Hund jemals Futter in der Hand halte. Erst nach dem Klick geht meine Hand zum Futterbeutel und danach zu Nellos Nase – so kommt die zeitliche Verzögerung zustande zwischen Klick und Futter. Warum ich das tue? Damit Nello nicht lernt: “Zeig mir zuerst das Futter in deiner Hand, dann überleg ich, ob ich mitmache.” – Ich will keinen Futter-abhängigen Hund erziehen, sondern einer der für mich in Vorleistung geht.)

Happy training!
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